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‘Mazedonisches Syndrom’ – Geheimer CIA Bericht über Bulgarien

Aus unserem Archiv stellen wir heute zwei CIA Berichte vor. Die beiden Berichte stammen aus folgenden Jahren, der ersten von 1971, der zweite von 1972. Diese Berichte zeigen ein deutliches Bild der Position Bulgariens gegenüber Mazedonien. Der CIA Bericht von 1971 könnte fast ein Spiegelbild der heutigen Sichtweise Bulgariens sein. In diesem werden die Standpunkte Bulgariens erklärt, als auch der “Ursprung” des “Mazedonischen Syndroms”. Wohingegen der Bericht von 1972 die Unterdrückung der Mazedonier in Bulgarien zeigt. Ebenso ein Spiegelbild der heutigen Politik im Nachbarland, das die Existenz der mazedonischen Nation und Sprache negiert.

„Mazedonisches Syndrom – eine chronische Krise in den jugoslawisch-bulgarischen Beziehungen“ – so lautet der Titel eines Geheimdokuments der amerikanischen Central Intelligence Agency (CIA) von Anfang 1971, das nach Angaben der „Financial Times“ erst Jahrzehnte später freigegeben wurde.

Der 12-seitige Bericht, der jetzt in den CIA-Archiven verfügbar ist, gibt ein sehr detailliertes Bild der komplizierten Beziehungen zwischen Jugoslawien und Bulgarien in den späten 1960er Jahren, beschreibt die historischen Wurzeln des Mazedonien-Problems und analysiert präzise den Aufstieg des bulgarischen Nationalismus. Was übrigens in Bezug auf Mazedonien die gleichen Parameter wie heute aufweist.

„Laut Sofia sind alle Mazedonier ethnische Bulgaren“

Am Anfang des Dokuments lesen wir:

Während der letzten vier Jahre sind Ströme gegenseitiger Angriffe zwischen Jugoslawien und Bulgarien zu einem scheinbar obskuren, historisch kontroversen Thema geflossen, nämlich – der ethnischen und sprachlichen Herkunft der Völker der jugoslawischen Republik Mazedonien.”

Die Jugoslawen behaupten, dieser Aufruhr sei auf den akuten Irredentismus der Bulgaren zurückzuführen. Für Sofia ist die Mazedonien-Frage ein zweischneidiges Schwert. Einerseits nutzt das Regime es für den internen Gebrauch als einziges unproblematisches Ventil für den bulgarischen Nationalismus, ohne die Gefahr einer Einmischung Moskaus.

Selbst die Jugoslawen glauben nicht, dass Sofia derzeit beabsichtigt, das jugoslawische Mazedonien mit Gewalt zurückzuerobern. Andererseits besteht kein Zweifel daran, dass die bulgarischen Führer nach jeder Gelegenheit suchen werden, Belgrads Kontrolle über Mazedonien in der Post-Tito-Ära zu schwächen, und sie bereiten sich bereits mit entschiedenen, prätentiösen Forderungen nach ihren Rechten in Mazedonien darauf vor.

Laut den Autoren des Berichts wurde die Wahrnehmung des kommunistischen Bulgariens, dass es keine separate mazedonische Nation und Sprache gibt, von Jugoslawien immer noch als Bedrohung wahrgenommen. Sie schreiben: „Nach Sofias Behauptung sind eigentlich alle Mazedonier ethnische Bulgaren, abgeschnitten von ihrer Heimat. Diese Meinung stammt aus der vorkommunistischen Ära in Bulgarien.

Gemäß dem Vertrag von San Stefano von 1878 erlangte der neue bulgarische Staat zum ersten Mal die Kontrolle über die mazedonischen Länder. Einige Monate später nehmen die Großmächte dieses Gebiet ein und geben es später an Serbien (heute Teil Jugoslawiens). Seitdem haben die meisten bulgarischen Regierungen Ansprüche auf dieses Gebiet erhoben, obwohl es nach 1878 insgesamt nur vier Jahre unter Sofias Kontrolle stand.

Nach einem kurzen historischen Überblick über die Geschehnisse in der Region nach dem Zweiten Weltkrieg diskutiert der Bericht kurz die Pläne für eine Balkanföderation, die auch nach dem Tito-Stalin-Konflikt 1948 eine Zeit lang bestanden. Anschließend schreiben die Autoren über den Aufstieg der „Schiwkow-Clique“ und die Repressionen der Kommunisten in Bulgarien nach der Machtergreifung. Mit Zustimmung Moskaus beleben die bulgarischen Kommunisten nach und nach den Mythos vom San Stefano Bulgarien, bemerken die Autoren weiter und fügen hinzu:

Die mazedonische Frage lebte mit der schlecht durchdachten Kampagne von Todor Schiwkow Anfang 1965 wieder auf. Ziel war es, den Nationalgeist und die patriotischen Gefühle junger Menschen im damals emotional stagnierenden Bulgarien zu wecken.

Der Streit um Mazedonien wurde hauptsächlich zu einem Mittel zum Aufbau des Nationalstolzes, der durch die Unterwürfigkeit der Bulgarischen Kommunistischen Partei [gegenüber der Sowjetunion – b.p.] beschädigt wurde. Es gibt Studien, die die Beziehungen zwischen dem mazedonischen Volk und Bulgarien in der Vergangenheit „analysieren“.

Die Partei überprüft ihre früheren Positionen zur Mazedonien-Frage erneut und kommt zu dem Schluss, dass sie mit der Rücknahme ihrer Ansprüche auf Mazedonien eine falsche und „nicht-leninistische“ Position eingenommen hat. Es wurde behauptet, dass “Bulgarien auf diese Weise die Fremdherrschaft in einer von der bulgarischen Bevölkerung dominierten Region akzeptiert hat”. Im Herbst 1966 ging der Präsident des Verbands bulgarischer Schriftsteller so weit, die Existenz einer eigenen mazedonischen Sprache zu leugnen und behauptete, es sei eine Variante des Bulgarischen.

Im selben Jahr äußerte ein prominenter Ethnograph öffentlich seine Ablehnung eines in einer sowjetischen Zeitschrift veröffentlichten Artikels, in dem behauptet wurde, die Mazedonier seien eine eigene Nation oder ein eigenständiges Volk. Im Geiste des Abkommens von San Stefano haben viele bulgarische Wissenschaftler und Politiker Artikel über Artikel veröffentlicht, um die Behauptung zu verteidigen, Mazedonien sei ethnisch, historisch und spirituell Teil der bulgarischen Nation.

Der Bericht spricht auch von Todor Schiwkows Ansprache an die bulgarische Jugend vom Dezember 1967, in der er die Ausweitung der “patriotischen Erziehung” betonte. Laut dem kommunistischen Führer nutzen die Bulgaren ihre glorreiche Geschichte nicht genug, um junge Menschen im Geiste des Patriotismus zu erziehen.

Die Invasion der Tschechoslowakei durch Truppen des Warschauer Pakts im Jahr 1968 und das Debakel im Prager Frühling, an dem die NRB beteiligt waren, führten zu weiteren Spannungen zwischen Bulgarien und Jugoslawien, stellten die CIA-Analytiker fest.

Nach der harschen Kritik des jugoslawischen Führers Tito an dieser Invasion verstärkte Bulgarien seine Propaganda gegen Jugoslawien und startete eine neue diplomatische Kampagne – offenbar mit Zustimmung der UdSSR, schreiben die Autoren und erinnern daran, dass BAN im November 1968 eine Stellungnahme veröffentlicht habe, der zufolge Mazedonien nie ethnisch, national und sprachlich als eine von Bulgarien getrennte Nation existierte. Der Bericht spricht auch von Bulgariens Behauptungen, es habe Mazedonien 1944 „befreit“ – Behauptungen, die nichts mit der Realität zu tun haben.

LESETIPP: Hälfte der bulgarischen Bevölkerung sind Mazedonier – Washington Times

Allmählich erkannte die jugoslawische Führung, dass die bulgarischen Kampagnen in Bezug auf Mazedonien eindeutig mit Moskau koordiniert waren, schreiben und zitieren die CIA-Analytiker ein jugoslawisches Dokument mit dem Titel „Geister der Vergangenheit“, das in der Belgrader Zeitung „Borba“ und in der Skopjer „Nova Makedonija“ veröffentlicht wurde, in dem Bulgarien “bürgerliche Gebietsansprüche” gegenüber Mazedonien und Teilen Serbiens vorgeworfen werden, die ihm nach dem San-Stefano-Abkommen “anvertraut” wurden. Der wahre Schuldige an all dem ist jedoch das zaristische Russland, das die San-Stefano-Fiktion geschaffen hat, heißt es in dem Artikel.

„Fragen wir mal, worauf sich die bulgarischen Behauptungen stützen“

Gegen Ende des US-Geheimdienstberichts von 1971 lesen wir:

In einem Bericht über außenpolitische Fragen vom 18. November 1970, der allen Häusern des Bundesparlaments von Jugoslawien zugestellt wurde, wurde der jugoslawische Präsident Tito mit den Worten zitiert: „Um zu verstehen, was hinter der Wiederbelebung des bulgarischen revanchistischen Dämons steckt, müssen wir uns fragen auf welcher Grundlage die bulgarischen Ansprüche sich stützen”.

Drei Erklärungen sind möglich: Erstens, um die öffentliche Aufmerksamkeit von der internen Krise abzulenken, indem Gebietsansprüche geltend gemacht werden. Zweitens der Glaube, dass die jugoslawische Föderation auseinanderbrechen würde, was eine einzigartige Gelegenheit für Bulgarien wäre, davon zu profitieren.

Und drittens, dass jemand anderes hinter den bulgarischen Behauptungen steckt – das heißt, dass die Führung unseres Nachbarlandes auf ausländische Unterstützung angewiesen ist … Die Zeit wird zeigen, wie berechtigt unser Verdacht ist, aber nach allem, was wir im Moment wissen, wir keine positive Änderung in der Politik Bulgariens gegenüber Jugoslawien in der Zukunft erwarten“.

Jugoslawien zerbrach, und das unabhängige Mazedonien wurde als erstes von Bulgarien anerkannt, danach folgte es einem komplizierten politischen Weg und heißt heute Nordmazedonien. Unabhängig davon sind die Parallelen zu dem, was in den letzten Jahren in den Beziehungen zwischen Sofia und Skopje passiert ist, mehr als offensichtlich. Deshalb ist dieses Dokument, das vor mehr als 50 Jahren erstellt wurde, lesenswert.

CIA Bericht von 1972 bezeugt die Unterdrückung der ethnischen Mazedonier in Bulgarien

Der CIA Bericht, mit der Aktennummer CIA-RDP01-00707R000200110035-5, aus dem Folgejahr 1972 bezeugt die Unterdrückung der ethnischen Mazedonier die in Bulgarien leben. Damit sind keine Gastarbeiter gemeint, sondern Mazedonier die in Pirin-Mazedonien leben. Das ist der Teil Mazedoniens der Bulgarien von den Großmächten zugesprochen wurde. Wie man dem ehemals geheimen Dokument entnehmen kann, ist die heutige aktuelle Politik des Nachbarlandes Mazedoniens, ein Erbe aus der Zeit “des bulgarisch-kommunistischen Regimes”.

Eine Kernaussage des CIA Berichtes ist, wir zitieren:

„Das bulgarische Regime verbietet alle politischen Aktivitäten im Zusammenhang mit dem mazedonischen Nationalismus und unterdrückt kulturelle Aktivitäten, die ausschließlich mazedonisch sind, d.h. Lieder und Folklore. Im Gegensatz zur türkischen Minderheit dürfen die Mazedonier keine Schulen in ihrer Muttersprache haben.”

Teil des Berichts ist eine Übersichtskarte, die die Verteilung der ethnischen Minderheiten in Bulgarien graphisch darstellt. Laut der bulgarischen Volkszählung, die im Bericht erwähnt wird, setzte sich die Demographie Bulgariens wie folgt zusammen:

85,3% Bulgaren, 8,5% Türken, 2,6% Roma, 2,5% Mazedonier, 0,3% Armenier, (und andere).

Im Abschnitt “C./Bevölkerung” des Berichts, finden wir genauere Hinweise auf die ethnische mazedonische Minderheit, als auch den anderen Minderheiten. Laut dem CIA Bericht von 1972, wird die Erfassung der Mazedonier durch das bulgarische Regime erschwert.

„Jede Schätzung der mazedonischen Bevölkerung ist sehr dürftig und wird durch die seit 1958 vertretenen offiziellen bulgarischen Behauptungen erschwert, dass die Mazedonier keine separate nationale Gruppe, sondern eine Untergruppe der bulgarischen Nation sind”.

Im Abschnitt “D./Struktur und Merkmale der Gesellschaft-Ethnische Zusammensetzung und Sprachen”, finden wir noch genauere Angaben der CIA über die mazedonische Minderheit in Bulgarien in den Nachkriegsjahren. Als auch, wie sie systematisch unterdrückt wurden. Auch war der Gedanke an ein vereintes und unabhängiges Mazedonien weit unter den Mazedoniern verbreitet.

„Eine beträchtliche Anzahl von Mazedoniern lebt in den angrenzenden Gebieten des benachbarten Jugoslawien und Griechenlands, und einige Mazedonier hoffen immer noch auf ein geeintes Mazedonien, das sich aus Gebieten aller drei Staaten zusammensetzt”.

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